Gepräch mit Otto Tausig
im Erich-Fried-Realgymnasium (im Schulersatzstandort Argentinierstrasse
11),
geführt mit Dr. Wilhelm Urbanek
und Schülern im Februar 2008. Zentralpunkt ist eine Lesung aus der
Autobiographie Erich Frieds und eine Zeitzeugenbericht Otto Tausigs
über sein Leben (v.a. Kriegszeit).
Video:
Das Gespräch ohne Erich-Fried-Lesung
im O-Ton zum Anhören (Flash)
MP3:
Das Gespräch ohne Erich-Fried-Lesung
im O-Ton zum Anhören (46
MB, mp3)
DVD:
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Lesung
und Gespräch (office@reisenbauer-film.com).
Der Reingewinn kommt dem Entwicklungshilfeclub
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Transkript:
Interview mit Otto Tausig
Anschließend
an die Lesung von Erich-Fried-Gedichten und aus der Autobiografie Erich
Frieds beantwortet Otto Tausig Fragen von
Schülern. Auf dem Tisch vor Otto Tausig
liegt seine Autobiografie Otto Tausig
- Kasperl, Kummerl, Jud.
Eine Lebensgeschichte .
Tausig: Dieses
Buch zum Beispiel, ich weiß ja nicht woher Sie es haben, vom Entwicklungshilfeclub,
oder?
Urbanek: Ich
habe es geschenkt bekommen.
Tausig: Ich
arbeite für einen Entwicklungshilfeclub für Kinder in der Dritten
Welt, denen es sehr schlecht geht und dieses Buch, das ich geschrieben
habe, ich meine Lebensgeschichte. Das Papier ist uns von einem netten Papier-Großhändler
geschenkt worden und so können wir es verkaufen und der Preis ist
für Kinder in Indien, die auf furchtbarste Weise in einem Steinbruch
arbeiten müssen. Deren Eltern im Steinbruch arbeiten müssen und
wo die Kinder ebenfalls im Steinbruch mitarbeiten müssen und manche
sogar schon als Baby in einer Ecke im Steinbruch liegenmussten
und die dadurch Steinstaub einatmeten und dadurch nur eine sehr kurze Lebenserwartung
von 30 Jahren haben. Für diese Kinder ist das und die können
wir damit aus diesem Leben herausholen und in die Schule schicken. Für
euch ist die Schule etwas Selbstverständliches. Aber für Kinder
in der Dritten Welt ist das etwas Enormes in die Schule gehen zu dürfen
und dieses Buch ist unter anderem eine Spende für dieses Projekt des
Entwicklungshilfeclubs.
Urbanek: Wir
haben auch eine kleine Sammlung zusammen gemacht und da sind 220 Euro zusammengekommen
und wir würden das gerne dieser Initiative übergeben.
Tausig: Herzlichen
Dank. Und wie geht es jetzt weiter?
Urbanek: Wir
haben einige Fragen vorbereitet und der Stefan ist der Erste auf der Liste.
Schüler/in:Können
Sie sich an Ihr Leben erinnern, als dieNazis
einmarschierten?
Tausig: Ja schon, ich habe damals Theaterkarten gehabt, fürs Burgtheater. Das Burgtheater war damals das Schönste Theater für mich und da kam der Hitler und ich wollte ins Theater gehen und sagte meinem Vater: "Ich gehe heute abends ins Theater." Und er sagte zu mir, "das geht nicht". Ich fragte warum das nicht geht und er antwortete "wir sind Juden. Ich bin von jüdischer Abstammung." Und das konnte man unter Hitler nicht mehr. Ich hab’s damals nicht verstanden, aber später schon, als mein Vater ins Konzentrationslager kam. Viel später, so wiebei Erich Fried, der auch 1942 kam, seine Großmutter und auch meine Großeltern, mein Großvater war 83 und meine Großmutter wurden erstins Konzentrationslager nach Theresienstadt und später in das noch schlimmere Treblinka gebracht, wo sie in der Gaskammer gestorben sind. Da kann ich noch sagen, es ist jetzt nicht ganz genau auf deine Frage, aber vielleicht wenn wir schon dort sind, meine Großeltern hatten damals ein Konto bei der Creditanstalt Bankverein und nach dem Krieg, als meine Mutter zurückkam, ich war ja wie der Erich Fried allein in England, meine Eltern mussten ja nach Shanghai immigrieren, warum, ja das war ja das letzte Land wo man überhaupt noch ohne Visum hin gekonnt hat, es gab kein Land mehr wo man ohne Visum und Garantie, dass man dem Land nicht zur Last fällt, hin konnte. Ich war ja gerade noch ein Kind und konnte dadurch nach England, wie der Erich Fried auch und meine Eltern mussten nach Shanghai, wo mein Vater gestorben ist. Nach dem Krieg ist meine Mutter zurückgekommen und hat sich erkundigt, wo denn das Geld hingekommen sei, dass die CA von meinen Großeltern gehabt hatte. Sie hat von ihnen einen Brief bekommen, das war im Jahr 1947, da stand drin, von dem Geld ist nichts mehr da, es wurde an die Gestapo, die Geheime Staatspolizei Hitlers, übergeben, für Judenumsiedlung. Das heißt, meine Großeltern haben auch noch für den Viehwaggon, mit dem sie hingebracht wurden und für das Gas, mit dem sie umgebracht wurden, bezahlen müssen. Denn ihr Geld ist dorthin gegeben worden, für die Gestapo. Das hat mir, wie ihr euch denken könnt, nicht gefallen, und am Ende des Briefes stand auch noch "Bitte 35 Schilling als Kosten für die Nachforschung einzuschicken", die Sie haben wollten. Erst das Geld an die Gestapo hergeben und dann auch noch Geld für die Erklärung verlangen. Meine Mutter hat dann weiter nichts gemacht. Ich habe dann ein paar Jahre später, den Brief von der CA genommen und den Anwälten der CA geschickt, die haben eine Angst gehabt, dass ich ein Geld von ihnen wollte, was ich aber nicht wollte, und haben mir einen sechs Seiten langen Brief zurück geschrieben, dass es aus dieser Zeit keine Dokumente mehr gebe, worauf ich Ihnen den Brief zurückschickte und meinte, dass sie das Dokument ja hätten, da ich es Ihnen ja selbst geschickt habe, worin stand das die Bank das Geld den Mördern ihrer Kunden gegeben hat.
Daraufhin
gab es lange Diskussionen und ich habe ihnen deutlich gemacht, dass ich
von der CA kein Geld haben will, auch nicht ein Rechtsanwalt soll irgendwas
davon haben. Ich möchte es für Kinder, die heute in einer Situation
sind, wie ich damals war und der Erich Fried. Kinder, die ihr Land, Österreich,
verlassen und in die Fremde gehen mussten, unter Umständen nicht einmal
die Sprache gesprochen haben, allein, ohne Eltern. Ich möchte für
diese Jugendlichen das Geld haben, und tatsächlich kommen heute zu
uns viele junge Menschen ohne Eltern, die zu uns kommen und hier ihre Rettung
suchen, und da hat es in Hirtenberg, in Niederösterreich, ein altes
verfallenes Haus gegeben, und das konnten wir als Heim für diese unbegleiteten
Jugendlichen, wie das heißt, herrichten. Die kommen aus Tschetschenien,
Russland, Kosovo, aus Indien, Sri Lanka, Afrika, aus vielen Ländern
und die können da in Hirtenberg leben und so ist das ein ganz befriedigendes
Gefühl, dass das Geld meiner Großmutter, die vor so und so viel
Jahren umgebracht wurde, meiner jüdischen Großmutter, heute
moslemischen und Hindu Kindern, eine Möglichkeit auf ein mögliches
Leben hier in Hirtenberg in Österreich bietet. Aber es ist nicht leicht
für Flüchtlinge, auch wenn sie hier bei uns aufgenommen werden,
denn mit 18 Jahren besteht die Gefahr, dass sie wieder zurückgeschickt
werden, in die Länder wo unter Umständen Hunger und Gefahr für
sie herrschen.
Urbanek: Ich
würde vorschlagen wenn Fragen bereits in diesem Gespräch beantwortet
wurden lassen, wir sie einfach hier aus.
Schüler/in:Wie
haben sie sich 1938 hier in Wien als Jude gefühlt?
Tausig: Schlecht. Na ja, ihr müsst bedenken, zu erst hab ich’s nicht verstanden, wie ich vorher mit dem Burgtheater erzählt habe. Ich hab’s nicht gleich begriffen. Dann bin ich immer im Schwarzenbergpark, ich weiß nicht ob ihr den noch kennt, der ist jetzt zugesperrt. Da bin ich immer gesessen und hab gelesen und da bin ich eines Tages dahin gegangen und da ist auf der Bank eine Tafel gewesen "Nur für Arier", also jüdische Menschen durften auf dieser Bank nicht mehr sitzen. Dann sind Sachen geschehen, mein Vater ist einmal um 3 Uhr früh aus unserer Wohnung abgeholt worden und die haben ihn dann vis-a-vis in ein Haus gebracht zum "turnen", hat’s geheißen. Das war sehr lustig, das hat den Nazis gefallen. Die haben die Juden Kniebeugen machen lassen und dann haben sie meinen Vater and die Wand gestellt und haben hinter ihm, er hat ja nichts gesehen, einen Revolver entladen und haben sein Gesicht gefilmt, nicht gefilmt sondern fotografiert, quasi der feigen Jude. Was er für ein Gesicht macht, wenn sie hinter ihm einen Revolver entladen. Ich zum Beispiel, ich habe zum Glück nicht zuviel gehabt. Meine Großeltern zum Beispiel sind umgebracht worden, meine Eltern mussten weg, mein Vater war im Konzentrationslager. Er ist dann wieder zurückgekommen, weil er nach Shanghai weg wollte. Mir ist zum Glück nicht zuviel passiert. Das einzige was mir passiert ist war folgendes: Da war eine Alteisensammlung für Göring, Göring habt ihr schon gehört, der war ein Obernazi, der hat also Alteisen gesammelt damit er schöne Kanonen machen kann um dann den Krieg anzufangen, einen Krieg der 55 Millionen Tote bedeutet hat. Er hat also Alteisen gesammelt und da sind Lastwagen durch Wien gefahren, da hat man alte Metallbetten vor der Türe gehabt, also alles aus Metall und das wurde auf die Wagen hinauf geladen. Ich bin da gerade durch die Taborstraße gegangen und da kam so ein Wagen daher gefahren und oben stand einer mit einem Revolver und wer kein Hakenkreuz getragen hatte, der war schon verraten, weil eigentlich alle eines getragen haben, auch die Gegner von Hitler, weil wenn sie keines trugen, war die Gefahr stark, das man sie als Hitlergegner erkannte und sie in ein Gefängnis oder Konzentrationslager gebracht hätte. Mich haben sie also auch auf den Wagen aufgeladen und dann haben sie uns geführt zum Praterstern, wie heißt die Strasse, Nordbahnstrasse, und da war damals eine ganz lange, vielleicht einen Kilometer lange, Mauer und bis hinter diese Mauer ist der Wagen mit dem Alteisen gefahren. Und dort haben sie uns Nichtnazis, Nicht Hakenkreuzträger, jüdische usw. in drei Partien eingeteilt: Eine Gruppe ist auf dem Lastwagen draufgestanden, die anderen links und rechts vom Lastwagen und dann haben die von oben das Metall auf die Linke Seite heruntergeworfen und die nach rechts getragen und die von rechts wieder nach oben auf den Wagen geworfen. Und die Nazis haben sich dabei sehr amüsiert wie sich die blöden Juden die Finger am Metall zerschnitten haben und so eine sinnlose Arbeit erledigen wie Metall runter werfen, hinübertragen, rauf werfen, runter werfen, hinübertragen, rauf werfen, usw. Einem der das gemacht hat ist die Geduld gerissen und der hat einen großen Fehler gemacht, der hat einem SA-Mann einen Stoss gegeben. Mehr hat nicht gefehlt, die haben so Schildkappen mit harten schildern gehabt und der Bursche der das gemacht hat, den haben die dann so lange geschlagen bis, ich hab so was noch nie gesehen, bis er ein totaler blauer Fleck war und dann haben sie gesagt: "renn". So ist er die lange Mauer am Nordbahnhof entlang gelaufen, damit er diesen Schlägen entfliehen kann. Dann sind sie ihm mit dem Fahrrad nachgefahren haben ihn zurückgeholt und wieder geprügelt und wieder haben sie gesagt, "renn" und wieder ist er gelaufen, obwohl er schon gewusst hat das sie ihn wieder zurückholen würden. Aber wenigstens in der Zeit hat man ihn nicht geschlagen und so…aber wie gesagt, dass war das mindeste was einem damals passieren konnte und ich hatte das Glück noch nicht 17 Jahre zu sein und daher dem entfliehen zu können. Also gut haben wir uns nicht gefühlt.
Und
schaut es ist halt so, wir waren jüdischer Abstammung und ich muss
euch ehrlich sagen, ich weiß gar nicht was an mir anders ist als
an anderen, ich bin ehrlich gestanden nicht religiös, ich bin nicht
jüdisch religiös, ich glaube nicht an eine jüdische Nation,
ich würde nicht nach Israel gehen wollen, weil ich mich jüdisch
national fühle, ich bin ein Österreicher wie alle, ich wollte
immer Schauspieler werden, ich wollte immer Nestroy spielen, und das kann
ich nur in Österreich. In England war ich auch aber da spielt man
keinen Nestroy. Und ich weiß nicht warum ich plötzlich einer
war der anders war als die anderen, aber es ist halt so, dass es uns ja
heute auch nicht anders geht. Sind den die anders, ja vielleicht von der
Hautfarbe und der Religion, als die die hier geboren sind aber Menschen
sind sie doch alle und man sollte sie nicht anders behandeln als andere
Menschen.
Schüler/in:Wie
veränderte sich ihr Leben als die Nazis einmarschierten?
Tausig: Na ja, das hab ich eigentlich schon gesagt. Ich musste flüchten nach England, ohne Eltern. Das war nicht ganz einfach. Ich weiß nicht ob, das deine Fragen beantwortet, was dann in England war. Ich musste dort verschiedene Berufe ergreifen, Ich war unter anderem auf einer Hendlfarm als Hilfsarbeiter in der Landwirtschaft und später dann Metallarbeiter. Immer habe ich einen Wunsch gehabt, ich wollte wieder nach Österreich zurück, wenn dieser blöde Hitler endlich wieder weg ist. Und wir haben auch einiges getan in England, ichhab also eine Theatergruppe dort geleitet, wo wir in englischen Jugendclubs herumgezogen sind und den Engländern die oft Austria und Australia nicht auseinander halten konnten, und oft glaubten in Austria springen die Kängurus herum, denen haben wir erzählt das Österreich ein eigenes Land ist, das nicht zu Deutschland nach diesem Krieg gehören sollte uns haben uns eingesetzt das Österreich wieder Österreich wird und gleich nach dem Krieg, bin ich zurückgekommen. Na ja so hat sich mein Leben schon gewaltig verändert durch den lieben Hitler.
Aber
immerhin, eigentlich war mir lieber ich musste flüchten, als ich hätte
in der deutschen Armee auf andere Menschen schießen müssen.
Schüler/in:Und
denken sie auch heute noch an die Zeit als die Nazis einmarschiert sind?
Tausig: Ja
freilich. Das kann man nicht verhindern. War schon ein großer Einschnitt
im Leben. Jetzt haben wir am 12.März Gedenktag, 70 Jahre Einmarsch
der Nazis, im Burgtheater eine Gedenkstunde, wo ich auch mitlesen darf,
und das ist für mich schon ein schönes Gefühl, Ich wollte
ja damals ins Burgtheater, eh nur als Zuschauer gehen, und jetzt darf ich
dort sogar auf der Bühne sitzen und das genau 70 Jahre danach, das
ist schon ein schönes Gefühl. Da denkt man natürlich an
die Zeit zurück.
Schüler/in:Haben
sie auch glückliche Erinnerungen an ihre Kindheit?
Tausig: Na ja schon. Also, leicht war’s ja auch schon vorm Hitler nicht in Österreich. Es war ja keine Demokratie wie wir sie heute haben, es war ja schon einige Jahre lang eine Diktatur unter Dollfuss. Das war ja auch nicht schön. Es war eine riesige Arbeitslosigkeit, deshalb waren es auch so viele Leute, die dann dem Hitler Heil zugerufen haben, weil sie gehofft haben, dass er die Arbeitslosigkeit bekämpft und Tatsache war, es gab dann weniger Arbeitslose - aber wieso, weil die die Kanonen und die Panzer gemacht haben wo dann 55 Millionen Menschen sterben mussten,von der Arbeit die sie dann gehabt haben, aber leicht war es nicht. Es war eine schreckliche Arbeitslosigkeit. Mein Vater z.B. der war eigentlich ein Rechtsanwalt, aber er hat dann eine Würstelbude gehabt, gegenüber vom Arbeitsamt in der Embelgasse, da standen damals lange, lange Schlangen von Arbeitslosen, die dann zu meinem Vater kamen und eine "Dürre" für 17 Groschen für 10 dag gekauft haben. Mein Vater hatte immer ein gutes Herz gehabt und hat dann statt die 17 Groschen zu nehmen, die Würstel immer hergeschenkt. Und das war eine sehr schwere Zeit mit den vielen Arbeitslosen, und auch wir haben daherkein Geld gehabt, es war also nicht so einfach, auch nicht die Zeit vorher. Natürlich war es nicht damit nicht zu vergleichen, wie dann der Hitler gekommen ist und unter den Umständen, dass man dann einer falschen Rasse (wie sie das genannt haben) angehört hat, war es ein Honiglecken gegen später, aber leicht war es auch vorm Hitler nicht. Für die Menschen in Österreich, für die unendlich vielen Arbeitslosen, die ausgesteuert waren und gar nichts hatten. Es geht uns heute im Vergleich unvergleichlichbesser.
Verzeihung
Du wolltest gute Erinnerungen: Die schönsten Erinnerungen waren, dass
ich ins Theater gehen konnte, das Burgtheater war mein Leben. Ichwollte
immer Schauspieler werden, schon mit 13 Jahren. Zum Beispiel habe ich mit
12, unser Deutschprofessor war ein Theaterwahnsinniger, der hat uns auch
Theater spielen lassen, so wie Erich Fried, der dann Theater gespielt hat.
Ich hab schon mit 11 Jahren unter der Regie von unserem Deutschprofessor
Nestroy gespielt. "Hinüber, Herüber" ein Einakter hat er mich
spielen lassen und das hat ihm so gefallen, dass er mich im nächsten
Jahr inszenieren hat lassen und zwar "LumpaziVagabundus".
Es war ein großer Erfolg, bei den Tanten und Onkeln, die da drinnen
waren und so bin ich mit 13 Jahren von zu Hause durchgegangen, um zum Theater
zu gehen. Ich bin in eine Theaterschule gegangen, die haben gerade Aufnahmsprüfungen
gehabt und die haben mich wieder heimgeschickt und haben gesagt " Mit 13
sei ich noch zu jung, ich solle wiederkommen, wenn ich 16 bin ". Mit 16
war dann der Hitler da und da gab es keine Möglichkeit mehr aber das
waren noch schöne Erinnerungen an meine Schulzeit und die Zeit wo
ich da zum ersten mal Theater spielen durfte, weil ich bin ein bisschen
ein Narr und will halt immer Theater spielen.
Schüler/in:War
es für Sie schwer Wien damals zu verlassen?
Tausig: Na
ja ich hab Euch ja vorher erzählt, wie es war als sie kamen und da
war man glücklich, dass man weggekommen ist und flüchten konnte.
Wir sind im Kindertransport gesessen und als wir über die Deutsche
Grenze kamen, haben wir alle die "Marseillese" gesungen aus lauter Begeisterung
weil man weg konnte aber einfach war’s natürlich nicht. Ich habe genau
1 Mark mitnehmen dürfen, wir durften kein Geld mitnehmen und die 1
Mark habe ich noch ausgeben müssen, bevor wir die Grenze erreichten.
Ich bin nach England gekommen ohne einen Groschen Geld ohne irgendetwas,
aber trotzdem war man froh, dem Hitler entkommen zu sein, denn man hat
ja nicht gewusst was er einem sonst noch alles antun würde. Übrigens
sind wir aus der Schule rausgeflogen, wir jüdischen Schüler sind
aus der Schule rausgeflogen, ich war im RG V, in der Blechturmgasse/Rainergasse
im Gymnasium war ich damals in der 6. Klasse und da mussten wir im April
(der Hitler ist im März gekommen) aus der Schule weg und unsere Mitschüler
mussten sich links und rechts aufstellen und wir mussten durch dieses Spalier
hindurch und unsere Mitschüler sollten uns anspucken. Soweit ich weiß,
hat man uns nicht angespuckt, außer einem, den ich dann nachher gefragt
habe "Warum"? Aber insofern war man schon ganz froh, dass man aus diesem
Ding da heraus kam
Schüler/in:Hatten
Sie in Wien, vor der Flucht, Angst?
Tausig: Ja
sicher, aber nicht gleich. Ich hab’sja
nicht gleich begriffen. Ich war zu blöd, zu unpolitisch, ich bin ins
Theater gegangen, hab Bücher gelesen, Rainer Maria Rilke Gedichte
und solche Sachen aber mit der Zeit bin ich schon draufgekommen, wie sie
meinen Vater verhaftet haben. Da war ich dann schon froh wegzukommen. Und
Angst hab ich natürlich schon gehabt.
Schüler/in:Wie
ist ihnen die Flucht nach England gelungen?
Tausig: Na
ja, ich hab ja schon gesagt, dass es damals Kindertransporte gab, bis 16
Jahre. Engländer haben dann aufgenommen, die mussten eine Garantie
der Regierung geben und dann konnte man ein Kind nach England holen, aber
man musste das Kind in England erhalten und außerdem eine ganz schön
hohe Summe von 60 Pfund der Regierung erlegen, falls der Garant sterben
sollte, dass die Regierung nicht für dieses Kind zahlen musste. Na
ja und vielleicht interessiert es euch, da gab es viele wohltätige
Menschen die die Kinder vor Hitler retten wollten, es war ja unter Umständen
lebensgefährlich hier zubleiben, und dieser Mann der mir garantiert
hat, war aber ein Gauner und Schwindler, der folgendes macht. Man musste
nun der Regierung 60 Pfund hinterlegen, was viel Geld war, und der Mann
hat nun eine Avance in der Zeitung aufgegeben, dass er ein Kind aus Österreich
zu sich holen und ernähren würde, es waren noch zwei weitere
außer mir für die er garantiert hat, wenn ein anderer das Geld
bezahlen würde. Daraufhin haben sich verschiedene Menschen die Kindern
mit Geld helfen wollten gemeldet und der hat nicht nur einmal die 60 Pfund
für den Buben Otto Tausig kassiert,
sondern gleich 20, 30 mal und hat mit der Gefahr in der die Kinder waren
ein gutes Geschäft gemacht und darum war ich bald angewiesen irgendeine
Arbeit zu übernehmen, was immer es sein muss. Auf der Hendlfarm zum
Beispiel hab ich überhaupt keinen Lohn bekommen, sondern nur das Essen
und das bestand meist aus zerbrochenen Eiern, die die Hendl legten, und
so war das damals auch nicht ganz wunderschön aber man ist nicht umgebracht
worden.
Schüler/in: An
wen oder was haben sie im Exil gedacht?
Tausig: Vor
allem an meine Eltern, das war nicht so einfach, die waren weit weg am
anderen Ende der Welt in Shanghai. Ein Brief ist unendlich lang gegangen
dorthin. Ich hab ja erst erfahren, dass mein Vater schon Jahre lang tot
war, Meine Mutter hat mir das erst erzählt am Ende des Krieges. Ich
hab das nicht gewusst und hab auch ihm während des Kriegs immer wieder
Briefe geschrieben. Er ist in Shanghai gestorben und auch an Shanghai.
Er war schwer Tuberkulose krank und im Spital und meine Mutter hatte alles
verkauft was sie hatte inklusive Bett, sie hat auf der Erde geschlafen,
um Medikamente zu kaufen um meinen Vater zu retten. Die hat sie am Schwarzmarkt
gekauft, aber es waren keine Medikamente sondern Pipetten mit Wasser und
das wurde meinem Vater injiziert aber da es keine Medikamente waren ist
er daran gestorben. An das hab ich gedacht und an meine Grosseltern. Dass
sie umgebracht wurden habe ich nicht gewusst, dass hab ich auch erst nach
dem Krieg erfahren, aber ich habe sehr wohl gedacht wo sie jetzt waren.
Schüler/in:Wie
alt waren sie als sie flüchten mussten?
Tausig: 16.
Ich war noch nicht siebzehn. Wenn ich noch ein Monat älter gewesen
wäre, hätte ich nicht mit dem Kindertransport weg müssen,
und ich weiß nicht was dann mit mir passiert wäre, entweder
tot wahrscheinlich, oder nach.. meine Eltern haben
nur mehr zwei Karten auf das Schiff nach Shanghai bekommen, ob wir drei
bekommen hätten weiß ich gar nicht. Entweder wäre ich auch
nach Shanghai gekommen oder weiß der Kuckuck was passiert wäre,
man ist ja irgendwo hin, nur weg.
Schüler/in:Fiel
es ihnen in England schwer Fuß zu fassen?
Tausig: Ja schon. Zunächst hab ich nicht Englisch gesprochen. Ich bin angekommen am Bahnhof und da hab ich ein Plakat gesehen, einen Eisenbahnarbeiter mit einem Waggerl und da war ein viereckiger Würfel drauf und drunter ist gestanden "A square deal fortheworkers" – "Eine viereckige Behandlung für die Arbeiter" aber square heißt im Englischen sowohl viereckig oder Würfel als auch anständig. Also, dass man ihn anständig behandelt. Es war ein englisches Wortspiel. Man soll die Arbeiter anständig behandeln, ihnen einen anständigen Lohn geben. Das war das erste was ich gesehen habe und ich dachte, mein Gott wie komm ich den hier zu recht. Und dann ist es halt mit der Sprache nicht so leicht gewesen. Ein anderes Emigrantenkind ist zum Beispiel in ein Geschäft gegangen und hat einen Wecker kaufen wollen und hat gesagt: "Please I want a watchthatmakesthemorninggrrrrrrr" Eine watch war halt keine alarmclock so heißt ein Wecker und so haben wir mit der Sprache Schwierigkeiten gehabt und dann haben wir halt auch was machen müssen zum Beispiel, ich war Landarbeiter und hab mir ein Rückenleiden zugezogen, und weil man sich am Land immer wieder bücken muss, wollte ich unbedingt in die Stadt London, außerdem waren dort andere Österreicher mit denen ich zusammen sein konnte. Ich konnte einfach keine landwirtschaftlichen Arbeiten mehr machen. So kam ich nach London und habe mich ausgegeben, Lügenhafterweise, als Metallarbeiter, obwohl ich nie in meinem Leben eine Feile in der Hand gehabt habe. Nur war das Glück, dass im Krieg alle Metallarbeiter in der Armee waren und die Fabriken dringend auf der Suche nach Arbeitskräften waren. So hab ich mich da gemeldet und die waren froh, dass ich komme und haben mir gleich ein Werkstück gegeben, das ich in der Blaupause angefangen habe und gleich verpatze. Dann haben die gefragt: "Was sind sie, ein Schlosser? Geh, kehren sie die Fabrik aus." Und ich hab die Fabrik ausgekehrt ein paar Wochen und hab mich dann schon etwas ausgekannt und bin in die nächste Fabrik. Dort hab ich mich wieder als Schlosser ausgegeben und hab dort schon etwas weniger verpatzt, nur mehr die etwas schwierigeren Sachen. Im Laufe der Zeit bin ich dann wirklich in Metallarbeiter geworden, der was konnte aber einfach war es nicht. Und dann erzähl ich euch noch eine Geschichte:
Ich
bin also in Whitby das ist eine kleine Ortschaft
in Nordengland, dort hab ich einen fürchterlichen Hunger gehabt. Ich
hab euch ja erzählt, ein Schwindler hat für mich garantiert und
dann war es auf einmal nicht mehr möglich bei dem dort zu sein, also
bin ich auf der Strasse gewesen und hab irgendwas machen müssen, war
aber arbeitslos und es gab keine Arbeitslosenunterstützung. Es gab
aber eine nette Quäkerfamilie, das war eine religiöse Sekte,
könnte man sagen, die also sehr sozial denkt und viel macht für
Kinder und auch andere Leute und die haben mich manchmal durchgefüttert.
Aber ich habe einen großen Hunger gehabt und da bin ich an einer
Planke vorbeigegangen und hab gesehen, dass das WhitbyOrtsorchester
einen Bratscher sucht. Ein Bratscher spielt Viola, dass ist ein Musikinstrument
wie die Geige nur größer. Die suchen einen und der würde
zweieinhalb Englische Schilling verdienen. Das war zwar nicht viel Geld
aber ein bisschen was, und ich hab ja so einen Hunger gehabt und 5 Schilling
für ein Konzert und so hab ich mich gemeldet beim Dirigenten des Orchesters.
Dieser war gleichzeitig der Musikalienhändler und habe mich als ein
Bratscher aus Wien ausgegeben, was eine vollkommene Lüge war. Ich
hab gesehen 2,5 Schilling für die Probe und 5 fürs Konzert und
einen Hunger hab ich auch gehabet und hab das behauptet damit ich das verdienen
kann. Der Dirigent hat sich gefreut, aus Wien, und hat geglaubt ich bin
ein Philharmoniker und hat mir gleich eine Bratsche gegeben und nun bin
ich im Orchester gesessen. Ihr musst wissen, die Bratsche ist etwas größer,
aber ich hab als Kind schon ganz schlecht Violine gespielt, und die Abstände
sind da sehr viel größer und ich hab solche Würstelfinger
wie ihr sehen könnt, also völlig ungeeignet dazu und es hat eine
andere Notierung, nämlich eine Bassschlüssel anstatt des Violinschlüssels
und da muss man immer 2 hinaufzählen und so bin ich verzweifelt dort
gesessen und hab unmöglich anzuhören dort auf der Bratsche herumgeraunzt.
Das hat der Dirigent sehr bald bemerkt und hat gemeint was sie sind ein
Bratscher und ich hab gesagt,: "Violine spiel
ich viel besser." Dann hat er mich in die Zweite Violine gesetzt und dort
bin ich schon nicht mehr aufgefallen, weil das war so ein beschissenes
Orchester, dass könnt ihr euch nicht vorstellen, und da hab ich auch
mit meinem schlechten Violinspiel Geld machen können. Das macht man
halt alles wenn man einen großen Hunger hat und es gibt auch heute
hier viele Kinder dies schwer haben und aus anderen Ländern kommen
und sind in einer ähnlichen Situation wie ich damals, bereit alles
zu machen aber es ist nicht einfach.
Schüler/in:Haben
sie Erich Fried gekannt und wenn ja wie haben sie ihn kennen gelernt?
Tausig: Wie
ich schon sagte, wir sind beide nach England geflüchtet und ich weiß
gar nicht, der Fried war ein Jahr älter als ich, also entweder ist
er schon früher geflüchtet oder wenn nicht dann nicht mit einem
Kindertransport. Auf jeden Fall hab ich ihn in England kennen gelernt.
Er hat schon dort geschrieben, und wir hatten dort einen Jugendclub, Young Austria
hieß der, und ich hab eine Theatergruppe dort geleitet und haben
also Stücke gespielt, Wie Raimund und Nestroy für die österreichischen
Emigranten in deutscher Sprache, damit sie nicht vergessen dass sie Österreicher
sind und in Englischer Sprache, in der Zwischenzeit hab ich’s gelernt,
das war ja schon viele Jahre später, so selbst geschriebene Revuen
mit denen wir in den Jugendclubs herumzogen. Und Erich Fried war ein Schriftsteller,
der für uns Gedichte schrieb und auch in der Organisation war und
eines Tages gab er mir ein Stück von Jura Soyfer, Vineta.
Das war ein wunderbarer Schriftsteller, der leider mit 27 Jahren im Konzentrationslager
umgekommen ist und nur wenige, aber wunderbar, Stücke hinterlassen
hat, aber die hat mir der Erich Fried gegeben und wir haben sie gespielt.
Erich hat auch das Vereinslied geschrieben: "Nun gilts
den Blick nach vorn zu wenden, mit klaren Augen stark und hell", aber er
hat später bessere Gedichte geschrieben. Und so haben wir in England
zusammengearbeitet.
Schüler/in:Sie
haben schon am Rande erwähnt, dass sie sich für Österreich
eingesetzt haben, aber hat es wirklich etwas geholfen,
dass sie da mitgemacht haben und wie intensiv haben sie
da mitgemacht?
Tausig: Zunächst
hab ich schon gesagt, wir haben so Sachen gespielt um englischen Jugendlichen
zu sagen, und das war damals nicht klar, das Österreich nach dem Krieg
nicht bei Deutschland bleibt, das hätte ja nicht unbedingt das Hitlerdeutschland
sein müssen. Etliche haben sich dafür eingesetzt das Deutschland
ein Großdeutschland bleibt ohne Hitler und wir wollten ein Österreich
nicht bei Deutschland bleibt, also haben wir uns propagandistisch betätigt.
Wir haben aber auch Geld gesammelt um Partisanen in Frankreich zu unterstützen,
wir haben gesammelt für einen Ambulanzwagen für di verwundeten
Partisanen in Frankreich, und als wir nach Wien kamen haben wir mitgebracht
Sachen aus Österreich. Meine Frau und ich haben damals zwei große
Einsiedegläser mit Penizillin mitgebracht, das hat man damals in Wien
gar nicht gehabt. Das hat man in Österreich damals gar nicht gekannt,
aber in England wurde es erfunden und es war ein Vermögen wert. Wir
haben es damals mitgebracht für die Kranken in Österreich und
so konnten wir auch so was tun und haben uns also sehr bemüht, dass
Österreich halt wieder Leben kann. Dann wars
ja auch nicht ganz einfach zurückzukommen. Ich hab damals in der Favoritenstrasse
52 gewohnt und da haben wir eine Wohnung gehabt, aber die Nazis hatten
uns ja von dort herausgeschmissen und wir mussten innerhalb von wenigen
Tagen weg, zu der Großmutter und haben uns dort zusammengedrängt.
Diese Wohnung aber, es war viel gebombt, aber das Haus stand noch und die
Wohnung gabs noch und so bin ich rauf gegangen
in unsere frühere Wohnung und hab geschaut wer jetzt da wohnte. Da
wohnte ein Schneider mit seiner Frau und seinen drei Kindern und was hätte
ich jetzt machen sollen. Ich hätte ja nicht sagen können: "Hinaus
mit euch", es hätten zwar böse Nazis sein können die diese
Wohnung an sich genommen hatten, aber das war eher unwahrscheinlich. Eher
waren es Leute die in anderen Wohnungen ausgebombt waren und selber arme
Würstel waren die eine Wohnung gebraucht haben. Also sind wir wieder
dorthin gegangen wo wir zunächst waren. Das war ein Jugendheim in
der Pfeilgasse, wo Matratzen aufgelegt waren und haben halt weiter auf
Matratzen geschlafen, bis wir dann beim Wohnungsamt, das war Österreich
1946, Punkte bekommen haben. Je mehr Punkte man hatte, desto mehr anrecht
hatte man auf eine Wohnung, nur Wohnung gabs
noch keine und auf Punkten konnte man so schlecht schlafen. Heute gibt’s
viel mehr Wohnungen aber damals war ja alles gebombt und so war die Rückkehr
auch nicht ganz einfach.
Schüler/in:Glauben
sie, dass sie sich durch ihre Erfahrungen verändert haben?
Tausig: Na ja schon. Das ist so, es ist ein großes Glück wenn’s in der Jugend jemanden schlecht geht und später, jetzt geht’s einem gut. Ich hab das erreicht was ich wollte. Ich war in England und als ich Kartoffeln graben musste, hab ich gesagt: "Eines Tages muss der Hitler weg sein und dann will ich wieder in Österreich sein und dann will ich im Burgtheater, nein das hab ich damals noch nicht getraut zu denken, Theater spielen. Es ist dann das Burgtheater geworden wo ich Jahre lang gespielt habe, das war halt immer ein Wunschtraum. Hab ich mich verändert, ja. Mein Vater hat’s schlecht gehabt. Er war in Temeswar, das war damals Ungarn und war ein Rechtsanwalt, ein werdender Strafverteidiger vor Gericht, ein Mensch der eine Karriere vor sich hatte in Ungarn. Dann kam der Krieg und mein Vater bekam einen Schuss am Ohr vorbei und war taub. Temeswar war dann nicht mehr ungarisch sondern Rumänien, nach dem ersten Weltkrieg. Mein Vater war nun entwurzelt und ist nach Wien gekommen wo er erstens die Gesetze bei Gericht nicht kannte, er kannte sie nur von Ungarn und dann hatte er nichts mehr gehört und ein Strafverteidiger der nichts hört ist dienstunfähig und so wurde er Würstelmann. Das war nicht sehr schön und später ist er von den Nazis noch abgeholt und gequält worden und er flüchtete nach Shanghai und ist dort gestorben. Also ein Leben das gut, schön und hoffnungsvoll begonnen und sehr miserable, sehr traurig, geendet hat. Mir ist’s verkehrt gegangen. Mir ist es unter Hitler nicht gut gegangen, und dann bin ich nach England gekommen und musste hungern und mich durchfretten, aber dann durfte ich nach Österreich. Das war ja unglaublich. Es hat ja keiner geglaubt dass man wirklich gegen diesen Hitler siegt, der ganz Europa gehabt hat und in Russland bis nach Stalingrad einmarschiert ist und man den wirklich eines Tages wegkriegen würde. Aber wir haben halt ganz fest daran weniger geglaubt, aber gehofft und etwas getan und eines Tages war er weg und das war ein großes Glück, und ich war wieder in Österreich, das war ein großes Glück und noch dazu am Burgtheater was das größte Glück überhaupt war. Ich hab vom Burgtheater eine ausreichende Pension, von dem können meine Frau, mein Hund und ich recht gut Leben und außerdem kann ich mit 86 noch immer, Theater zwar nicht mehr, aber Filme machen. Und da benütze ich mein Geld, das ich dabei verdiene, alle meine Gagen gehen in die Dritte Welt, die es dringend brauchen und die heute in der Situation sind in der ich damals war. Na ja, so hab ich mich verändert zum Guten, also Glück gehabt. Es ist von unten nach oben gegangen, mein Leben im Unterschied zu meinem Vater, bei dem es verkehrt gegangen ist und kann heute etwas tun um noch Menschen denen es schlechter geht zu helfen und das ist ein recht gutes Gefühl, wenn man mit 86 Jahren noch immer... das komische ist z.B. meine Augen funktionieren nicht mehr, wenn ich zu Hause 5 min von dem was ich heute vorgelesen habe lese, sehe ich nichts mehr und das komische ist hier bei euch, wenn ich es vorlese ist’s gegangen. Ich hab vorher noch gesagt, dass es sein kann das meine Augen aufhören zu funktionieren aber ihr habt gesehen dass es auch ohne Pause gegangen ist und das ist weil wenn man mit 86 Jahren noch das Gefühl hat irgendwo auf der Welt noch was zu tun hat. Wenn man zum Beispiel in eine Schule geht und euch erzählen kann, was man in seinem Leben angefangen hat und was Vernünftiges erzählen kann damit die Leute heute auch noch was damit anfangen können, und ich darf sagen dass ich heute in Indien ein Heim für Kinder in der Teppichindustrie für die nächsten 3 Jahre ausbezahlt habe. Kinderarbeit ist in Indien verboten aber, Kinder werden versteckt und gezwungen arbeiten zu machen. Viele Teppiche die zu und herkommen sind von Kindern gemacht und diese Kinder arbeiten 14 Stunden am Tag und leben neben dem Webstuhl. Manche werden sogar angekettet, damit sie nicht davonlaufen oder es werden ihnen die Kleider weggenommen. Wenn man diesen Kindern helfen kann, aus dieser Ausbeutung und diesem Elend herauszukommen, dann ist das ein sehr gutes Gefühl. Und ich kann euch sagen, wir werden am 12 April in der Staatsoper mit "Manon" mit Anna Netrebko, eine Benefiz Veranstaltung machen und 3 Straßenkinder Projekte aus verschiedenen Kontinenten werden das Geld bekommen damit sie in die Schule können und nicht umgebracht werden.
Das
ist für Straßenkinder in Brasilien und in Brasilien sind gerade
5 Polizisten verurteilt worden, weil sie Kinder die in einer Kircheneinfahrt
geschlafen haben, Straßenkinder, das sind Kinder die von ihren Eltern
weggeschickt werden, weil sie sie nicht mehr ernähren können,
die auf der Strasse leben und irgendwas tun um Geld zu verdienen. Auf der
Strasse Papier sammeln, im Müll herumklettern um noch was Essbares
zu finden oder zu verkaufen. Diese Kinder werden etwas davon haben, die
werden statt so ein Leben zu führen in eine Schule gehen können.
Das ist ein gutes Gefühl. In Brasilien, in Indien, in Neu-Delhi ist
so ein Projekt für Straßenkinder und in Äthiopien, wo schon
15 jährige Mütter mit ihren Kindern auf der Strasse leben müssen,
und da ist das schon ein gutes Gefühl wenn man da etwas tun kann.
Urbanek: Ich
find das großartig wie sie hier, ich denke doch zum Teil auch ihre
eigene Erfahrung wieder in Aktion ummünzen und etwas tun für
die Ausgestoßenen dieser Welt. Ganz großartig und ich bin froh,
dass wir da auch einen kleinen Beitrag dazu leisten können. Eine abschließende
Frage noch, weil wir hier doch im Erich Fried Gymnasium sind: Können
sie uns noch irgendeine Geschichte erzählen in der der Namenspatron
dieser Schule eine Rolle spielt? Irgendeine Geschichte vom Erich Fried
an die sie sich erinnern können?
Tausig: Nicht
wirklich. Ich hab ihn dann noch einmal in London besucht. Er ist ja nicht
nach Österreich zurückgekommen, dass heißt nur auf Besuch
nach Österreich zurückgekommen. Ihr müsst es verstehen.
Ihr habt gehört wie der Vater gestorben ist und wenn man das immer
in Erinnerung hat, man kann so was nicht vergessen, er hat es sogar niedergeschrieben.
Eine pointierte Geschichte fällt mir nicht wirklich ein außer
die eine: Meine Frau und ich haben ihn in England besucht und dann sind
wir spazieren gegangen mit ihm, und da sind lauter Kinder gesessen und
haben zu ihm "Halle Papa" gesagt. Ich weiß bis heute nicht ob er
wirklich der Papa dieser Kinder war oder ob er so eine Vaterfigur war den
alle als Papa betrachtet haben in diesem Gebiet, aber es waren zumindest
vier die ihn mit "Hallo Papa" begrüßt haben. Eine pointiertere
Geschichte fällt mir nicht ein im Moment.
Urbanek: Danke
schön. Auch wenn sie viele Fragen mit Komik und Pointen beantwortet
haben und von sich sagen, dass sie ein Komiker sind, so hat man doch immer
wieder Betroffenheit gespürt und dafür danke ich ihnen.
Tausig: Ich
bin auch ein Komiker der versucht ein paar Tragödien dieser Welt zu
heilen.
Schüler:Wir
danken ihnen im Name der Klasse, dass sie hierher gekommen sind. Es war
sehr interessant undwir wünschen
ihnen noch ein schönes Leben.
Tausig: Ich danke euch und hoffe ihr habt euch nicht zu sehr gelangweilt.